Wer kuratiert, kennt die Szene – und wer die Szene kennt, kuratiert

22. Mai 2026KreativorteMusikwirtschaftMarkenbildung
© Lebensraum Tirol Holding

Kenneth Winkler macht selbst Musik. Aber gerade steckt er mehr Energie ins Ermöglichen als ins Auftreten. Als Mitgründer des Musikbüros Tirol berät er Musikschaffende, knüpft Verbindungen – und gestaltet aktiv mit, wie sich die Szene entwickelt. Seit Kurzem auch ganz konkret: als Kurator von Monday Moments, die er im Auftrag der Lebensraum Tirol Gruppe mitgestaltet.

» Monatlich, jeweils am ersten Montag des Monats – immer um Fünf.

Zwei Jahre Musikbüro. Ein paar Monate Monday Moments. Vieles ist noch offen – und das ist auch gut so. Das Format ist neu, der Ort auch. Wir haben ihn gefragt, wie Kuration als Beruf funktioniert – und was eine regionale Musikszene wirklich braucht.

 

 » Wie wählst du die Acts für Monday Moments aus – und was muss ein Act mitbringen, damit er in diesen Rahmen passt?

Monday Moments soll als Schaufenster für Tirols Musik-Perlen dienen. Wie wir wissen, sind Perlen in Muscheln zu finden und nicht für alle gleich sichtbar. Insofern versuche ich Musiker:innen und Projekte vorzuschlagen, die es lohnt zu entdecken und bis dato etwas unter dem Radar geflogen sind.

Die Qualität dieser Musiker:innen oder Projekte kann sich dabei in vielen Facetten äußern. Ob das nun ein besonders interessanter Umgang und Interpretation traditioneller Tiroler Klänge ist oder aber ein spannender Zugang beim Umgang mit den Genres im Kontext der Tiroler Musiklandschaft.

» Wie viel künstlerische Freiheit hast du bei der Kuration, und wo sind die Rahmenbedingungen gesetzt?

Grundsätzlich habe ich alle künstlerische Freiheit und genieße das Vertrauen der Auftraggeber. Dennoch bin ich der Meinung, dass auch bei der Kuratierung ein gewisser Diskurs wichtig ist. Daher suche ich immer aktiv die Diskussion mit den Projektverantwortlichen von Moments Tirol.Vor allem unter Anbetracht der Tatsache, dass sowohl die neue Markenwelt Tirol ein Ort ist, der erst entdeckt werden muss von Publikum sowie dem eigenen Team als auch, dass die Moments Reihe ein neues Format ist, das wir für uns erst ausloten und konzeptionell prüfen müssen.

» Welche Musiker:innen fallen durchs Raster – und warum?

Wir möchten einen frischen Blick auf Tirols Musiklandschaft werfen und all denjenigen eine Bühne bieten, die ihre Karriere professionell verfolgen und dabei die Tiroler Musikbranche und Szene bereichern. Entsprechend fallen all diejenige durch das Raster, die weder inhaltlich noch in ihrer Arbeitsweise diese hohen Ansprüche erfüllen.

» Aber wer kuratiert, muss auch wisse unter welchen Bedingungen die Musikschaffenden überhaupt arbeiten. Was bedeutet es eigentlich, in Tirol professionell Musik zu machen?

In den meisten Fällen sind es mehrere Erwerbstätigkeiten, die Musikschaffende heutzutage verfolgen, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Viele verfolgen mehrere Projekte gleichzeitig und unterrichten daneben noch oder üben womöglich etwas komplett Branchenfremdes dazu noch aus. Entsprechend herausfordernd ist es, fokussiert an einem Projekt zu arbeiten und dieses zu entwickeln.

 

 

 » Welche Beratungsleistungen des Musikbüros werden am meisten nachgefragt – und was sagt das über die Szene?

Thema Nummer 1 ist Förderungen und Thema Nummer zwei wie vermarkte ich mein nächstes Album oder Projekt bzw. Karriereberatung im weitesten Sinn. Ersteres ist leicht erklärt. Seriöse Projekte brauchen seriöse Finanzierung und die ist de facto nur für etablierte Acts ohne Förderung zu gewährleisten. Newcomer brauchen die Unterstützung der öffentlichen Hand um ihre Projekte professionell umzusetzen.

Die zweite Frage ist deutlich schwieriger zu beantworten. Man merkt einfach, dass der Musikmarkt immer noch komplizierter und komplexer zu bearbeiten ist und gerade junge Musikschaffende sich extrem schwer dabei tun vor lauter Wald den Baum zu sehen. Streaming ist nicht der Heilsbringer – im Gegenteil – und durch das Aufkommen von KI wird es immer noch schwieriger aus der Masse herauszustechen.

 » Was sind die größten wirtschaftlichen Hürden für Musiker:innen in Tirol – jenseits von Sichtbarkeit?

Die Hürden sind mannigfaltig. Das reicht von Finanzierung der Veröffentlichungen bis zur fairen Entlohnung nach Fair Pay im Live Geschäft. Den Musikschaffenden aber auch den Stakeholdern von Musik in Tirol ist nicht klar, was für eine enorme Strahlkraft und Wertschöpfung in Musik steckt. Hier überwiegt die Wahrnehmung des bittstellenden Kulturschaffenden. Erst wenn dann eine Christina Aguilera auf der Idalp in Ischgl neue Besucherrekorde generiert, wird allen wieder bewusst, welche emotionale Wirkung Musik hat – keine andere Disziplin in der Kunst besitzt diese Strahlkraft. Und ebendiese gilt es gezielt in Wertschöpfungsketten zu integrieren, damit den Standort nachhaltig zu entwickeln und die wirtschaftlichen Hürden sukzessive abzubauen. Um das zu erreichen haben wir das Musikbüro Tirol vor zwei Jahren gegründet.

» Was verändert sich für Musiker:innen, die beim Musikbüro andocken – konkret?

Zuerst einmal bieten wir eine Menge schlauer Köpfe aus der Musikindustrie, die gerne ihr Wissen und ihr Netzwerk teilen um allen in Tirol ansässigen Musikschaffenden und der Branche weiterzuhelfen. Ganz nach dem Motto: geht es dir besser – geht es uns allen besser.

Insofern verändern wir die Wahrnehmung, dass in Tirol ein Netzwerk und eine Anlaufstelle existiert, an die man sich wenden kann wenn man Unterstützung benötigt. Man muss Tirol nicht verlassen, um ein funktionierendes Netzwerk zu finden. Das ist ein wichtiges Signal und enorm wichtig für den Standort.

Weiters versuchen wir Sichtbarkeit für alle Tiroler Acts zu generieren. Sofern wir sie nicht kennen, hilft es natürlich, dass man bei uns andockt – die Netzwerkabende im Musikbüro sind dazu bestens geeignet. Weiters gelingt es uns durch die vielen Projekte, in die wir auch inhaltlich involviert sind, gelegentlich Newcomer erfolgreich zu vermitteln oder in Kurationen einem neuen Publikum vorzustellen.

» Was wünschst du dir von der Tiroler Kultur- und Kreativwirtschaft – konkret, nicht allgemein?

Ich denke wir müssen zuallererst einmal definieren von welchen Branchen wir sprechen, wenn wir von Kreativ- und Kulturwirtschaft reden. Es gibt so viele spezialisierte Kreativ-Branchen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Stakeholdern, Arbeitsweisen und potenziellen Märkten. Allein die Musikbranche ist so eine hochkomplexe Kreativindustrie, dass es uns mit dem Musikbüro schon schwer genug fällt alle Bedürfnisse der unterschiedlichen Teilbranchen und Genres zu kennen.

Insofern wünsche ich mir einen Definitionsprozess darüber, was denn Kreativ- und Kulturwirtschaft überhaupt ist, wo die Schnittmengen der Bereiche liegen, um sie in Kontext zu setzen und eine Gesamtstrategie für den bis dato recht vagen Begriff der Kreativ- und Kulturwirtschaft entwickeln zu können.

*Kenneth Winkler, gebürtiger Innsbrucker, produziert und komponiert seit seinem 14. Lebensjahr Musik. Unter dem Künstlernamen „kentrix“ wurde er 2013 zur Red Bull Music Academy eingeladen. Seitdem arbeitete er u.a. für das Tiroler Landestheater an zahlreichen Bühnenwerken. Er ist Mitgründer des Musikbüros Tirol, betreibt die weyrerTon Studios, entwickelt das Startup Vinylpostcards und ist Kurator von Monday Moments.

» Wer neugierig ist: Der nächste Abend steht bereits in den Startlöchern: 01. Juni 2026 | 17 Uhr | Low Potion – Moments Tirol. Freier Eintritt, keine Anmeldung.

 

 

© Martin Bayer
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